55 Jahre The Lords - Die Biografie

Ein Liter Benzin kostet knapp 63 Pfennige, für 1,90 Mark pro Liter kann man sich auf dem Münchener Oktoberfest die Kante geben, im Winterschlussverkauf gibt’s in Frankfurt am Main Krawatten für 3 Pfennige und in Hamburg Kleider für 10 Pfennige das Stück, aber der Werbeslogan des Jahres aus dem Hause Asbach Uralt bringt es wirklich auf den Punkt: „Wenn einem so viel Gutes wird beschert..“
Denn anno 1959 gründen sich in Berlin die Skiffle-Lords.

Der oft zitierte „Mantel der Geschichte“ – die Lords hat er mit Sicherheit gestreift. Nach 55 Jahren Bühnenerfahrung bürgt der Name der weltweit dienstältesten Rockband mehr denn je für Kontinuität, Spielfreude und hohe musikalische Qualität!



Alles beginnt vor fünfeinhalb Jahrzehnten in Berlin, als Ulli Günther weitere fünf begeisterte Skiffle-Musiker um sich schart. Mit ihrer im wahrsten Sinne des Wortes „handgemachten“ Musik (Lord Ulli hat sich eigenhändig einen Stehbass aus Sperrholz gebastelt) bringen sie mit Banjo, Gitarre, Waschbrett und Kamm als Skiffle-Lords jeden Tanztee umgehend zum Kochen.



Prompt gewinnen sie 1961 den vom Berliner Kultursenat ausgeschriebenen Wettbewerb um das „Goldene Waschbrett“. 


Als zu Beginn der 1960-er Jahre die Beatmusik ihren Siegeszug um die Welt antritt, beschließen die Skiffle-Lords an Silvester 1962 äußerst vorausschauend, das Wort „Skiffle“ aus dem Bandnamen zu streichen – gleichzeitig wechselt erstmals die Besetzung der Lords.

Nur kurze Zeit später, im September 1964, werden The Lords im Hamburger Starclub zu Deutschlands „Beatformation Nr. 1“ gewählt und mit dem Titel „Die deutschen Beatles“ ausgezeichnet. Der Rest ist Geschichte.

Nach dem Plattenvertrag bei der EMI in Köln zündet eine Erfolgsrakete mit unglaublicher Durchschlagskraft. „Wir haben“, sagt Gitarrist Leo Lietz, „von da ab jahrelang aus dem Koffer gelebt“.

Anno 1964 muss die Band den tragischen und folgenschweren Autounfall ihres Bassisten Lord Knud verkraften. Dennoch jagt ein Auftritt den anderen. Ihr unverwechselbares Image – bedingt durch die so genannten Prinz-Eisenherz-Frisuren und völlig abgefahrene Kostüme – macht sie sogar für das europäische Ausland zur Attraktion.

1965, Kuntze ist aufgrund der Unfallfolgen ausgestiegen, spielen The Lords in der Formation Ulli Günther (Gesang), Leo Lietz (Gitarre), Bernd Zamulo (Bass), Rainer Petry (Gitarre) und Max Donath (Schlagzeug).


Die Gruppe tourt mit international renommierten Bands wie The Who, The Kings, The Beach Boys und The Moody Blues. Und als erste Beatband Westeuropas spielen The Lords hinter dem „Eisernen Vorhang“. In Polen und Jugoslawien gelingt ihnen ein Triumphzug ohne gleichen, von dem selbst die Beatles damals nur träumen können.



Ganz nebenbei liefern sie einen Hit nach dem anderen ab. Zwischen 1965 und 1969 platzieren The Lords 12 Singles in der deutschen Hitparade, von denen bis heute „Poor Boy“ zu den absoluten Klassikern zählt.
Doch wie sehr der ständige Tourstress, aber auch Meinungsverschiedenheiten über das musikalische Konzept, an den Nerven zehren, erweist sich 1971: The Lords trennen sich auf unbestimmte Zeit.



Als die Rufe der riesigen Fangemeinde nach einem Neubeginn indes immer lauter und unüberhörbarer werden, starten The Lords im Jahre 1976 noch einmal durch. Und das mit großem Erfolg!



1979 wurde Rainer Petry durch Josef Bauer ersetzt. Ein Jahr später, 1980, wurde dann Peter Donath durch Werner Faus ersetzt, der seinerseits 1998 von Philippe Seminara und 1999 von Charly Terstappen abgelöst wurde. Werner Faus stirbt am 15. Oktober 2013 in seiner Heimatstadt Köln.

Lord Ullis tragischer Tod in Potsdam lässt im Herbst 1999 die Jubiläumstour zum 40-jährigen Bestehen der Band zur Makulatur werden. Gleichwohl ist die CD „LORDS live 1999“ auch ein musikalisches Vermächtnis des langjährigen Frontmanns.



Bis Mitte des Jahres 2000 ziehen sich Leo, Bernd, Jupp und Charly, vom Tod Ullis wie paralysiert, zurück, treffen sich aber regelmäßig zu Gesprächen im Mönchengladbacher Studio. Schließlich entscheiden sie: „Wir machen weiter!“


Dass dieser Schritt richtig ist, beweist die positive Resonanz der Fans, insbesondere aber auch die große Akzeptanz beim Publikum. Über einen Nachfolger für Ulli hat die Band gar nicht erst nachgedacht!

2002 präsentieren The Lords mit „Spitfire Lace“ eine neue CD, die über die höchst professionelle Produktion hinaus auch durch den neu hinzu gekommenen mehrstimmigen Gesang besticht. „Die gute Atmosphäre bei der Arbeit im Studio hat allen unglaublichen Spaß gemacht“, kommentiert Leo Lietz damals.

„The Lords“, das erklärt Urgestein Leo Lietz heute, „sind mehr denn je ein verschworener und harmonischer Haufen mit dem Anspruch, bei ihren Gigs eine möglichst perfekte Performance für ihr Publikum abzuliefern“. Vier Freunde, die - wie andere auch - ihre Dispute haben, aber in der Lage sind, mit drei oder vier Sätzen Probleme vom Tisch zu bringen. „Bei uns stimmt die Chemie, daran gibt es keinen Zweifel“, so Leo Lietz. Musikalisch sowieso, denn wer über Jahrzehnte hinweg gemeinsam auf der Bühne steht und sich nicht blind verstehen würde, hätte wohl längst abgewirtschaftet.

Im Jahre 2011 verlässt Charly Terstappen die Band. Ohne Zweifel hat er maßgeblich mit dazu beigetragen, dass sich The Lords von der „lauten Beatband“ der 1960-er Jahre zu einer authentischen und musikalisch anspruchsvollen Rockband von heute weiter entwickelt haben. Sein Nachfolger als Drummer wird Philippe Seminara, der schon 1998 und 1999 für 2 Jahre in der Band getrommelt hat. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass sich die Band 2013 ins Studio zurückzieht, die CD „Reloaded“ produziert und parallel an dem 2014 erscheinenden, mit gänzlich neuen Songs bestückten Album arbeitet.

Dass The Lords, personelle Veränderungen hin oder her, auch nach 50 Jahren immer noch auf der Bühne stehen und die Menschen mit ihrer Musik faszinieren, mag nicht zuletzt an den unterschiedlichen Temperamenten der vier Protagonisten liegen, die Eintönigkeit und oberflächliche Routine gar nicht erst aufkommen lassen. Die dienstälteste Rockband der Welt ist so lebendig wie nie.

 

Und sie sind eben „einmalig“!